Die Bildwelten der international renommierten afghanisch-deutschen Künstlerin Mahbuba Maqsoodi

Mahbuba Maqsoodi ist Malerin, Autorin und eine Stimme zwischen Kulturen, denn sie baut mit ihrer Kunst immer wieder Brücken. Sie ist geboren in Afghanistan und lebt heute in Deutschland.

Ein breiteres Publikum wurde auf Mahbuba Maqsoodi aufmerksam durch ein außergewöhnliches Projekt: die Gestaltung der Kirchenfenster der Benediktinerabtei Tholey im Saarland. Das ist ein Ort, der Tradition, Spiritualität und zeitgenössische Kunst miteinander verbindet. Gleichzeitig zeigt Mahbuba Maqsoodi aktuell ihre Werke in der Städtischen Galerie Neunkirchen, in der Ausstellung GLAUBHAFT, wo ihr künstlerisches Schaffen in all seinen Facetten zu erleben ist.

Wir sprechen mit Mahbuba Maqsoodi über Kunst zwischen Religion und Identität, über Licht und Farbe, über menschliche Fragestellungen und spirituelle Themen – und über einen Lebensweg, der geprägt ist von Umbrüchen und von kreativen und künstlerischen Neuanfängen.

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Shownotes:

Foto Credits:

1-9, 12-14: © Anton Midas, Atelier Maqsoodi
10,11: Verena Feldbausch

Bio – Mahbuba Maqsoodi: Brückenschlag zwischen Herat und München

Mahbuba Maqsoodi ist eine zeitgenössische Künstlerin, die durch ihre beeindruckende Verbindung von afghanischer Tradition und europäischer Moderne internationale Anerkennung gefunden hat. Ihr Werk umfasst Malerei, Zeichnung und die Gestaltung von sakralen Räumen durch Ihre Kunst auf Glas.

Herkunft und Ausbildung

Mahbuba Maqsoodi wurde 1957 in Herat, Afghanistan, geboren. In ihrer Heimatstadt absolvierte sie ein Studium der Pädagogik und Kunst, bevor sie in den 1980er Jahren ein Stipendium für die Sowjetunion erhielt. An der Akademie der Künste in Leningrad (heute St. Petersburg) promovierte sie im Fach Kunstwissenschaft.

Aufgrund der politischen Instabilität in Afghanistan suchte sie 1994 gemeinsam mit ihrer Familie politisches Asyl in Deutschland und ließ sich in München nieder.

Künstlerisches Schaffen

Das Werk von Maqsoodi ist geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz, Weiblichkeit und der Suche nach Identität zwischen verschiedenen Kulturen.

  • Malerei auf Glas: Ein herausragendes Merkmal ihrer Karriere ist die Arbeit mit Glas. Maqsoodi gilt als eine der wenigen Künstlerinnen, die die klassische Technik der Glasmalerei in eine moderne, abstrakte und zugleich figurative Formensprache überführt haben.
  • Stilistik: Ihre Bilder zeichnen sich oft durch filigrane Linienführung, leuchtende Farben und eine erzählerische Tiefe aus, die Einflüsse aus der afghanischen Heimat ausweisen und trotzdem im Kontext der westlichen Moderne stehen.

Bedeutende Projekte

Einen Meilenstein in ihrer Vita stellt die Gestaltung der Glasfenster für die Abteikirche Tholey im Saarland dar. Während die Entwürfe für drei große Chorfenster vom weltberühmten Künstler Gerhard Richter stammen, gestaltete Maqsoodi die übrigen 34 Fenster der Abtei.

Mahbuba Maqsoodi:

“Die Fenster erzählen Geschichten von Heiligen und biblischen Szenen, eingewoben in ein Spiel aus Licht und Farbe, das den Kirchenraum transformiert.”

Auszeichnungen und Bedeutung

Mahbuba Maqsoodi wurde für ihr kulturelles Engagement und ihre künstlerische Leistung mehrfach geehrt, unter anderem 2023 mit der Bayerischen Staatsmedaille für soziale Verdienste. Sie gilt als wichtiges Beispiel für eine gelungene kulturelle Symbiose und zeigt, wie Kunst als universelle Sprache fungieren kann, die Grenzen und politische Konflikte überwindet.

Heute lebt und arbeitet sie weiterhin in München, wo sie in ihrem Atelier sowohl an privaten Aufträgen als auch an großformatigen öffentlichen Projekten arbeitet.

 


Das ganze Interview mit Mahbuba Maqsoodi zum Nachlesen

Wir reden über Kunst bei art talk, dem Kunstpodcast aus SaarLorLux. Wir treffen KuratorInnen und KünstlerInnen dort, wo sie gerade ausstellen. Mit uns entdeckt ihr zeitgenössische Kunst und außergewöhnliche Kunsträume in unserer Region. Werdet Teil von Galeriegesprächen, Ausstellungseröffnungen und Finissagen. art talk hört ihr überall dort, wo es Podcasts gibt.

Verena Feldbausch: Hallo und herzlich willkommen zu art talk SaarLorLux, dem Podcast für Kunst und Kultur in unserer Großregion, in dem wir mit spannenden, kreativen Menschen sprechen. Mein Name ist Verena Feldbausch und heute habe ich eine ganz besondere Künstlerin zu Gast. Eine Frau, deren Lebensweg ebenso beeindruckend ist wie ihre Kunst, Mahbuba Maqsoodi. Sie ist Malerin, Autorin und eine Stimme zwischen Kulturen, denn sie baut mit ihrer Kunst wirklich Brücken. Sie ist geboren in Afghanistan und lebt heute in Deutschland. Ein breiteres Publikum, gerade hier in unserer Großregion, wurde auf Mahbuba Maqsoodi aufmerksam durch ein außergewöhnliches Projekt. Die Gestaltung der Kirchenfenster der Benediktinerabtei Tholey hier im Saarland. Das ist ein Ort, der Tradition, Spiritualität und zeitgenössische Kunst miteinander verbindet. Gleichzeitig zeigt sie aktuell ihre Werke in der städtischen Galerie Neunkirchen, in der Ausstellung Glaubhaft, wo ihr Mahbuba Maqsoodi künstlerisches Schaffen in all seinen Facetten erleben könnt. Wir sprechen heute über Kunst zwischen Religion und Identität, über Licht und Farbe, über menschliche Fragestellungen und spirituelle Themen und über einen Lebensweg, der geprägt ist von Umbrüchen und von kreativen und künstlerischen Neuanfängen. Wie immer findet ihr Abbildungen der hier besprochenen Werke in unserem Blog und den Link dahin gibt es in den Show Notes. Diese Folge von art talk SaarLorLux wird gefördert durch das Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes. Wir danken herzlich für die Unterstützung, die es ermöglicht, künstlerische Stimmen wie die von Mahbuba Maqsoodi hörbar zu machen und den kulturellen Dialog in unserer Region und darüber hinaus zu stärken. Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Zuhören.

Verena Feldbausch: Liebe Mahbuba Maqsoodi, ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind. Herzlich Willkommen!

Mahbuba Maqsoodi: Danke für die Einladung!

Erste Eindrücke und Befinden

Verena Feldbausch: Ich starte gern ganz offen. Wie geht es Ihnen? Mitten in der Ausstellung und in Ihren Projekten.

Mahbuba Maqsoodi: Ich fühle mich wohl und ganz zufrieden.

Verena Feldbausch: Schön!

Lebensweg und künstlerische Anfänge

Verena Feldbausch: Sie haben einen außergewöhnlichen Lebensweg hinter sich, von Afghanistan nach Deutschland. Sie sind 1957 in Afghanistan geboren und haben dort persische Miniaturmalerei gelernt bei Ihrem zukünftigen Mann. War Kunst für Sie von Anfang an klar oder hat sich das mit der Zeit entwickelt? Wie waren Ihre künstlerischen Anfänge?

Mahbuba Maqsoodi: Ja, das ist, wie Sie erwähnt haben, ein sehr langer Weg. Und ich denke, von den ersten Schritten in der Miniaturmalerei in Herat, über das Studium an der Kunstakademie in St. Petersburg, als erste bewusste Begegnung mit europäischer Kunst und Kultur, bis hin zu den Erfahrungen mit der Kunst in Deutschland, haben all diese Stationen meinen Weg geprägt und mich zu dem geführt, was ich heute bin oder wie ich mich heute fühle. Aber doch, der Weg bleibt immer noch offen.

Verena Feldbausch: Schön!

Verena Feldbausch: In Afghanistan lag der Schwerpunkt zunächst auf persischer Miniaturmalerei. Dann kamen Sie und Ihr Mann durch Stipendien in die ehemalige Sowjetunion nach St. Petersburg. Dort haben Sie sich mit europäischer Kunst auseinandergesetzt und Ihr künstlerisches Handwerkszeug weiterentwickelt. Sie haben also unterschiedliche Techniken im Zeichnen und Malen ausprobiert. Und außerdem haben Sie dort Kunstkeramik studiert. Was ist Ihnen aus dieser Zeit noch sehr gut in Erinnerung?

Mahbuba Maqsoodi: Als ich nach St. Petersburg kam, ich habe ja, wie Sie erwähnt haben, etwas ganz anderes erfahren, die Miniaturmalerei. Und in St. Petersburg bin ich ja zum ersten Mal bewusst mit der europäischen Kunst in Berührung gekommen. Das war ein neuer Anfang. Ich musste wirklich vieles, was die anderen, meine Kommilitonen, schon hinter sich hatten, musste ich erst selber erlernen. Und das heißt für mich viel Arbeit. Dadurch, dass ich so neugierig bin und liebe, was etwas Neues betrifft, dann war ich ja bereit, alles, was möglich ist, zu lernen. Und in der Akademie, diese Türen waren fast 24 Stunden offen, ja. Und ich habe versucht, jeden Tag, jede Möglichkeit in Auditorien, beim Malen, beim Zeichnen, in der Kunstgeschichte, in den Räumen der Museen. Allein in der Eremitage sind ja, man sagt, 24 Kilometern. Und wir sind hier, wie dort von der antiken bis modernen Kunst. Das war ein Meer von Möglichkeiten. Und ich versuchte, alles, alles zu benutzen. Und dafür bin ich dankbar, weil, als ich nach Deutschland kam, im Grunde genommen, europäische Kunst und Kultur war mir in vielen Bereichen bekannt. Nun, hier in Deutschland habe ich etwas dazu entdeckt und versuchte, mich zu vertiefen.

Ankunft in Deutschland und neue Techniken

Verena Feldbausch: Da sie nicht nach Afghanistan zurück konnten, sind sie ja dann nach Deutschland gekommen und haben zunächst figurativ und abstrakt gearbeitet und schließlich das Malen auch auf Glas entdeckt. Kann man das so sagen, ja? Wie hat dieser Weg ihre künstlerische Perspektive geprägt?

Mahbuba Maqsoodi: Ich denke, alle Stationen, die in meinem Leben hinter mir waren, haben mich geprägt. Es war bewusst oder unbewusst, intuitiv. Und was den Stoff Glas betrifft, damit hatte ich in der Akademie, in der Kunstgeschichte eine Berührung gehabt. Ich wusste schon, was für eine Bedeutung hatte Glas im Bezug auf gotische Architektur im früheren Mittelalter und auch später. Mein Mann und ich, wir waren beide freiberufliche Künstler. Ich sage, mit einem vollen Rucksack hier gekommen. Auf einmal, wir standen in einer Situation, dass niemand uns in dem Sinne, wie ich gedacht habe, oder wie wir gedacht haben, braucht. Und dann war der Anfang der Suche, dass ich etwas Neues entdecke. Dass ich trotzdem bei meiner künstlerischen Tätigkeiten bleibe. Und so kam ich zum Stoff Glas. Der erste Strich auf Glas war für mich eine fast erschreckende Erfahrung, weil ich suchte die Fläche. Weil Glas lässt das Licht durchgehen. Und das war der interessante, nicht leichte, eigentlich schwere Anfang.

Verena Feldbausch: Das Neue auch.

Mahbuba Maqsoodi: Das Neue natürlich. Genau.

Kunst als Notwendigkeit

Verena Feldbausch: Wann haben Sie gemerkt, dass Kunst für Sie mehr als ein Ausdruck, vielleicht sogar eine Notwendigkeit ist?

Mahbuba Maqsoodi: Schon bei der ersten Begegnung, wie einer Welle, die sich auf einem kleinen Parfümfläschchen bricht, hatte ich das Gefühl, das war schon in Herat, als ich in der 11. Klasse im Gymnasium war. Das war ein Zufall natürlich. Vieles zeigte sich mir von Anfang an in Linien, die bereits Farbe tragen. Nicht nur als Möglichkeit, sondern wie eine leise Bedrängnis. Eine innere Notwendigkeit, die ich mich kaum entziehen kann oder auch konnte. Und das prägt mich weiter.

Intuitiv oder konzeptuell?

Verena Feldbausch: Arbeiten Sie eher intuitiv oder konzeptuell? Oder ist es eine Mischung von beiden?

Mahbuba Maqsoodi: Es ist eine sehr schöne Frage. Und ich denke, die meisten Künstler arbeiten eher intuitiv. Weil für mich bedeutet diese Intuition, diese Gefühlssache. Arbeiten mit Kunst ist ja keine wissenschaftliche Arbeit. Dadurch entsteht so ein Vertrauen durch diesen intuitiven Umgang. Was man gemeinhin Bauchgefühl nennt, denke ich. Aber ich denke, das ist ja komplette innere Wahrnehmung, die den ersten Impuls auslöst und lenkt. Aber im Bereich der Kunst und Architektur, weil das ist ja ein ganz großes Projekt, nicht als Einzelbilder oder ein Triptych. Da denke ich, dieses Konzept braucht man auch. Ja, das ist eine Mischung von intuitiver und konzeptioneller Kunst. Der Raum selbst beginnt zu sprechen, beeinflusst und verlangt nach Aufmerksamkeit. In ihm suche ich nicht nur Form und Struktur im Raum, sondern etwas, das darüber hinausgeht. Die feine Harmonie, die Atmosphäre, die alles verbindet. Alles. Und dem Ganzen seinen eigenen Einklang verleiht. So wie Sie vorher gesagt haben, manchmal ist es eine Mischung.

Kirchenfenster in Tholey

Verena Feldbausch: Eines Ihrer bekanntesten Werke sind die Kirchenfenster in der Benediktiner Abtei St. Mauritius in Tholey. Ein Projekt, das viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Wie kam es überhaupt zu diesem Auftrag? Das ist ja kein alltägliches Projekt.

Mahbuba Maqsoodi: Ja, es handelte sich um einen europaweiten Kunstwettbewerb. Und ich bin dazu eingeladen worden.

Verena Feldbausch: Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie gefragt wurden, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Mahbuba Maqsoodi: Es war ja nicht meine erste Arbeit im sakralen Raum. Ja. Davor habe ich auch einige Werke im Stil der Malerei des 19. Jahrhunderts gemacht. Mit meinem Mann, aber auch allein. Der Unterschied war, dass ich in diesem Fall in meiner eigenen Sprache entwarf und mich somit von der Malerei der Vergangenheit verabschiedet habe. Ja. Mein Gedanke war, es zu gewinnen.

Verena Feldbausch: Schön.

Mahbuba Maqsoodi: Und ich erinnere mich, als ich einen Tag mit der Malerei unter dem Arm Richtung Realisierung zur Werkstadt von Van Treeck ging in München, dachte ich, diese Werke werden ein Teil des historischen Ortes. Ich war glücklich, gleichzeitig demütig. Mit einer großen Verantwortung.

Verena Feldbausch: Das glaube ich, ja.

Reaktion der Mönche und Gemeinde

Verena Feldbausch: Kirchenfenster haben eine lange Tradition. Ihre Arbeit lebt von dem Zusammenspiel von Licht und Farbe. Was war Ihre Idee am Anfang für diese Fenster?

Mahbuba Maqsoodi: Für diese Fenster in Tholey. Die Idee war, wie überall, wenn ich im Raum arbeite, dass ich ein Teil mit meinen Werken, ein Teil des Raumes werde. Das heißt für mich Harmonie. Und das heißt ja auch die Geschichte. Und als ich dort war, ganz am Anfang, bevor ich angefangen habe zu entwerfen, ich habe dieses Gefühl im Raum gehabt, hier muss ich etwas ermöglichen, dass das Spirituelle einen Eingang zu dem tagtäglichen Leben hat. Weil ich betrachte nicht, dass Religion und sakrale Räume müssen von Menschen getrennt bleiben. Weil ich denke, wenn so etwas passiert, dann hat es überhaupt den Kern der Botschaft verloren. Ich versuchte in dem Sinne zu verstehen, was hier die Geschichte bedeutet. Was ist hier die Thematik und wie verbinde ich diese Thematik zeitgemäß? Beispiel. Das Thema Adam und Eva. Das ist ein uraltes Thema in allen drei monotheistischen Glauben. Und das war eines von den Werken. Ich denke, ich konnte ja nicht wie früher diese Themen interpretieren, weil ich davon überzeugt bin, dass die Position von Mann und Frau von Gott gleich geschaffen ist. Und der Rest ist von der Menschheit gemacht. Also gleiche Rechte, gleiche Verantwortung. Und so ist das gesamte Zyklus später auch entstanden.

Verena Feldbausch: Ah ja, sehr schön. Sehr interessant, ja. Ja.

Licht und Emotion

Verena Feldbausch: Welche Rolle spielt Licht für Sie dabei? Also nicht nur technisch, sondern auch emotional?

Mahbuba Maqsoodi: Ja. Ich denke, Licht ist ein Grundlegendes der Existenz. Also wir können ja ohne Licht nichts haben. Und es ist auch ein ständiger Begleitprozess des Schaffens. Weil durch das Licht kann auch etwas Unverwechselbares in dem Ausdruck des Kunstwerks entstehen, in der Musik, in der Malerei. Und das heißt, es ist sehr individuell. Und durch diese Individualität, der Umgang mit dem Licht, schafft man auch einen emotionalen Ausdruck. Und dadurch entsteht natürlich auch emotionale Wahrnehmung des Bildes in der Wahrnehmung des Betrachters. Ja. Und ich hoffe natürlich, dass meine Werke in dem Sinne auch Menschen berühren.

Religiöse und spirituelle Aspekte

Verena Feldbausch: Gab es religiöse oder spirituelle Aspekte, die Sie persönlich besonders berührt haben in dieser Arbeit?

Mahbuba Maqsoodi: Es ist ja so, alles was ich mache in der Kunst, ob im Bereich Kunst und Architektur ist oder einzelne Bilder. Spiritualität spielt eine ganz zentrale Rolle bei meiner Arbeit. Und wenn die Werke entstehen für einen sakralen Raum, diese sakralen Räume, nicht alle, aber die meisten haben auch diese Wahrnehmung der Spiritualität. So. Und dadurch beeinflusst es nochmal sozusagen zusätzlich das, was ich in dem Sinne ausdrücke. Und unabhängig von der Thematik.

Erfahrungen mit sakralen Räumen

Verena Feldbausch: Jetzt habe ich noch eine Zwischenfrage. Sie sagen ja, das ist ja nicht der erste sakrale Bau, also die Fenster des ersten sakralen Baus, die Sie gestaltet haben. Können Sie ein kleines bisschen erzählen, wie das anfing und wie Sie überhaupt dazu gekommen sind, Fenster für Kirchen auch zu gestalten?

Mahbuba Maqsoodi: Es ist wirklich eine sehr berechtigte, gute Frage. Wie gesagt, ich habe ja meinen Weg gesucht und dann kam ich zum Stoff Glas und dann arbeitete ich mit einer Firma in München, die auch jahrelange Erfahrungen in Bezug auf Kunst und Architektur zu hatten. Und so entstand eigentlich diese Zusammenarbeit im Sinne des Entwurfsstils des 19. Jahrhunderts, weil wir, ich sage immer wir, mein Mann und ich, in St. Petersburg studierten. Und diese 19. Jahrhundertmalerei ist eine vergangene Zeit in Europa, aber in Amerika, man redet dort davon. Also man hat ja komplett moderne Kunst und auch 19. Jahrhundertmalerei. Und dadurch kamen wir zu Aufträgen, ich sage hier wirklich Aufträgen im Stil der 19. Jahrhundertmalerei. Und es entstanden mehrere Projekte wie im Nashville Tennessee, in Texas, auch ungefähr in dieser Art und Weise zwei Kapitole in der Stadt Albany, also New York, private Häuser und und und. Also das Projekt in Tholey war nicht meine erste Erfahrung, wie ich vorher gesagt habe. Nur dieses Mal war es meine eigene Sprache, die ich dafür jahrelang ausgearbeitet habe.

Verena Feldbausch: Ja, okay. Super, da haben wir das auch nochmal geklärt. Genau.

Reaktion der Mönche und Gemeinde

Verena Feldbausch: Wie haben die Mönche und oder die Gemeinde auf Ihre Entwürfe reagiert? Gab es Diskussionen oder war direkt Vertrauen da?

Mahbuba Maqsoodi: Als die Entscheidung der Jury veröffentlicht wurde, gab es zwischen mir und dem Konvent überhaupt keine Diskussion. Da entstand ein tiefes, tiefes Vertrauen.

Verena Feldbausch: Ah, schön.

Mahbuba Maqsoodi: Und das hat sich auch nach der Einweihung in der Gemeinde deutlich widergespiegelt.

Verena Feldbausch: Schön. Also ist gut angenommen worden.

Mahbuba Maqsoodi: Ja, also nach der Einweihung. Betone ich das.

Verena Feldbausch: Sehr schön. Sehr schön, ja, ja.

Zusammenarbeit mit Gerhard Richter

Verena Feldbausch: In der Abtei Tholey sind ja auch Fenster, die von dem sehr bekannten Künstler Gerhard Richter gestaltet sind. Wie ist es, zusammen mit einem solchen Ausnahmekünstler die Fenster einer Abtei zu gestalten? Also nebeneinander. Sie haben ja nicht zusammengestaltet. Hat dieses Projekt irgendwas mit Ihnen persönlich auch gemacht?

Mahbuba Maqsoodi: Ja, ich denke, jedes Projekt macht etwas Persönliches. Sogar auch jedes Kunstgespräch und Lesung. Zum Beispiel gestern hier in diesem wunderbaren Raum. Zum ersten Mal habe ich gelesen, nach mehreren Lesungen in unterschiedlichen Zusammenhängen, in einem Raum, wo meine Bilder hängen. Das war wieder komplett neu, neue Wahrnehmung. Und so war das auch mit dem Projekt in Tholey. Aber ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch und jeder Künstler unabhängig von seiner Bekanntheit seine eigene Rolle trägt und eine unverwechselbare Position in der Welt einnimmt oder einnehmen kann. Was die Erfahrung betrifft, hat sie mein menschliches Verständnis in vieler Hinsicht übertroffen. Das Gute zeigte sich für mich im Ergebnis in einer Harmonie, in der sich alle Bilder im Raum gegenseitig ergänzen.

Verena Feldbausch: Ja, sehr schön.

Kultureller Brückenschlag

Verena Feldbausch: Kann man sagen, dass diese Arbeit auch ein kultureller Brückenschlag ist zwischen Ihrer Herkunft und dem europäischen Kirchenraum?

Mahbuba Maqsoodi: Ich denke, ja. Wir haben bis jetzt darüber gesprochen, dass viele Stationen meines Lebens mich geprägt haben. Und über alle diese Stationen von Afghanistan bis zur Sowjetunion und dann hier. Trotz aller Unterschiede habe ich immer etwas Gemeinsames entdeckt. Und das ist auch, was ich mit meinen Arbeiten ausdrücken kann. Ja, wir sind unterschiedlich, aber wir haben etwas Gemeinsames. Und ich denke, die Kunst konnte und kann auch nicht die Welt retten. Das ist auch nicht die Aufgabe der Kunst, sondern etwas zu sagen, ist die Aufgabe der Künstler. Und wenn ich mit meinen Werken, ob das jetzt in sakralen Räume sind oder so wie hier in der Ausstellung, die Menschen, von deren festen Position ein wenig, sogar einen Millimeter loslasse, dann ist es ja wunderbar.

Verena Feldbausch: Ja, das ist sehr gut beschrieben. Danke.

Die Ausstellung „Glaubhaft“ in Neunkirchen

Verena Feldbausch: Jetzt kommen wir zu der Ausstellung in der Städtischen Galerie Neunkirchen, wo wir auch das Interview hier machen. Neben diesem großen sakralen Projekt zeigen Sie aktuell Ihre Arbeiten in der Städtischen Galerie Neunkirchen in der Ausstellung “Glaubhaft”. Und hier finden wir auch eine Anzahl von Zeichnungen und Skizzen zu den Kirchenfenstern in Tholey. Was erwartet die Besucher*innen in Ihrer Ausstellung?

Mahbuba Maqsoodi: Ja, es ist ja so, ich bin durch die in der Öffentlichkeit Arbeitende, eher bekannt für Kunst- und Architekturwerke. Und jetzt kommen wir zu dieser Ausstellung. Die Besucher werden vielleicht auf einmal etwas sehen, was eigentlich damit nichts zu tun hat. Das ist eine Seite. Meines Ziels in dieser Ausstellung. Zweite ist, dass die Werke, die am Ende ins Glas umgesetzt werden, haben hinter sich intensive Arbeitsschritte, die vielen nicht bekannt ist. Das sind mehrere Studienzeichen, es sind Malereien, dass die am Ende ins Stoff Glas oder in einen anderen Stoff umgesetzt werden können. Das wollte ich eigentlich zeigen, weil streng genommen sind sie bereits eigenständige abgeschlossene Werke, die in ein anderes Material überführt werden.

Verena Feldbausch: Ja, das stimmt. Also man sieht hier auf der Empore Skizzen, Bleistiftskizzen wahrscheinlich. Ja. Und hier sieht man ja auch Acryl, auch wieder Skizzen oder Ausschnitte eigentlich, oder?

Mahbuba Maqsoodi: Es ist ja so, dass hier aus dem Tholey-Zyklus habe ich nur ein einziges Werk, “Gut und Böse”, den sogenannten Satan-Sturz, präsentiert. Sie sehen daneben diess einzelnen Formate, so wie sie in Tholey am Ende sozusagen ins Glas umgesetzt wurde. Ja. Aber ich habe hier das gesamte Fenster mit 40 Bildern auseinander getrennt und in eine neue Komposition daneben präsentiert. Damit wollte ich sagen, meine Werke können auch unabhängig vom Raum funktionieren. Jedes Teil ist wie ein Bild.

Verena Feldbausch: Ja, genau. Ja, das ist sehr interessant. Das muss man sich wirklich anschauen.

Mahbuba Maqsoodi: Und jetzt können Sie sich vorstellen, alleine für diese Arbeit gibt es von mir aus gewählt 63 Studienzeichnungen. Hier sind 40 präsentiert und wir haben in Tholey 29 Bilder. Also ich sage Ihnen über 350 Studienzeichnungen und Bilder, Bilder, Bilder. Also da gibt es eine Möglichkeit, weitere Präsentationen im Sinne der Bilder zu zeigen.

Verena Feldbausch: Ja.

Roter Faden in der Ausstellung

Verena Feldbausch: Gibt es einen roten Faden oder ein zentrales Thema, das sich durch die Werke zieht, die wir hier sehen in Neunkirchen?

Mahbuba Maqsoodi: Ja. Ich bin eine Künstlerin, die nicht dekorativ arbeitet, weil ich trage in mir, gewollt oder nicht gewollt, bewusst oder nicht bewusst, vieles. Und die Quelle meiner Inspirationen ist das tagtägliche Geschehen mit Menschen, mit der Natur, mit deren Sorgen, mit deren fröhlichen Empfindungen und so weiter. Und so drücke ich das auch in meinen Arbeiten aus. Und daher sind die Menschen wirklich der sogenannte rote Faden, der durch alle Arbeiten sichtbar wird. Damit möchte ich auch sagen, dass wir Menschen sind ein Teil vom Gesamten. Aber dadurch, dass Menschen eine besondere schöpferische Fähigkeit haben, entsprechend haben die Verantwortung. Klein oder groß. In der Familie oder in der Gesellschaft oder in dem Geschehen in der Welt. Also Menschen sind die wichtige Position in meiner Arbeit. Ja. Im Mittelpunkt steht der Mensch.

Verena Feldbausch: Ja.

Identität, Aufbruch und Zugehörigkeit

Verena Feldbausch: In Ihren Arbeiten geht es oft um Identität, Aufbruch und Zugehörigkeit. Wie spiegeln sich diese Themen konkret in der Ausstellung wider?

Mahbuba Maqsoodi: Dadurch, dass ich vieles erleben konnte. Afghanistan, ein Land, das teilweise vielleicht befindet sich in so archaischen Wahrnehmungen. Dann wieder hat man dort Kopie vom modernen Umgang mit der Welt. Dann Russland oder die Sowjetunion. Ein anderes System. Komplett andere Wahrnehmungen, die wir Menschen im Außen haben. Aber ich habe dort ja circa 14 Jahre gelebt und diese Gesellschaft in allen oder in vielen, besser zu sagen in vielen Bereichen entdeckt. Dann komme ich her. Ja. Am Ende, wie ich vorher gesagt habe, ich sehe alles in einer komplexen Verbindung. So wie man die Erde von oben schaut, das ist wunderbar und sieht man die Grenzen nicht. Vielleicht die Unterschiede. Und so sehe ich auch diese Unterschiede, die wir als Bereicherung, als Reichtum für uns betrachten. Und auch suche ich meine Identität wirklich drin. In dem Gemeinsamen, das wir Menschen haben und das uns ausmacht. Und die Unterschiede sind einfach schön. Ich bin ja Malerin. Wie langweilig wäre, wenn alle gleich wären.

Verena Feldbausch: Das stimmt. Da haben Sie total recht.

Neue Techniken und Motive

Verena Feldbausch: Arbeiten Sie hier mit neuen Techniken und Motiven?

Mahbuba Maqsoodi: Ich suche ja immer neue. Durch die neue Situation ergibt sich auch immer wieder etwas Neues. Obwohl ich ja viel mit Farbe beschäftigt bin und eigentlich sehe ich alles in Farbe. Ich glaube, manchmal kommen auch neue Techniken. Beispielsweise wie ich arbeite. Wenn der Stoff von meinem Glas nicht durchgeht, aber das Licht ist sehr wichtig. In dem Fall zum Beispiel nehme ich dann den Spiegel. Also es kommen immer wieder neue Techniken. Und ich hoffe, wie ich mit dem Glas umgehe, werde ich auch initiieren, dass meine Künstlerkolleginnen und Kollegen auch das Glas für ihre Kunst entdecken können.

Verena Feldbausch: Ja, als neuer Untergrund, genau. Als alternativer Untergrund.

Freie Arbeit vs. Auftragswerk

Verena Feldbausch: Wie unterscheidet sich Ihre freie künstlerische Arbeit von einem Auftragswerk wie den Kirchenfenstern in Tholey zum Beispiel?

Mahbuba Maqsoodi: Also ich sehe keine Trennung. Weil, wie gesagt, ich gehe mit sogenannten biblischen Erzählungen auch nicht so um wie vielleicht in der christlichen Ikonographie bekannt ist. Ich löse mich davon komplett. Ja, das können Sie in Tholey sehen, das können Sie in Cham sehen und so weiter. Ja, die einzige Beschränkung für mich im Auftrag ist diese technischen Beschränkungen. Zum Beispiel das Format des Fensters. Es ist so wie es ist. Also ich muss mich innerhalb des Formates bewegen. Dann natürlich Raum, die Atmosphäre des Raumes, das auch beeinflusst, wie ich dann mein Konzept in dem Sinne als Farbe sehe. Das sind so ungefähr zwei Beschränkungen. Was betrifft die Interpretation, da habe ich genauso wie Einzelbilder meine hundertprozentige Freiheit.

Besonderes Werk in der Ausstellung

Verena Feldbausch: Gibt es ein Werk in der Ausstellung, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Mahbuba Maqsoodi: Auch schwer zu sagen. Wenn ich so genau schaue, ich denke, ein Bild, das auch nicht groß ist, heißt: Die Einzelnen gehen ihren Weg.

Verena Feldbausch: Sollen wir da mal kurz hin?

Mahbuba Maqsoodi: Können wir hingehen. Ja.

Verena Feldbausch: Welche Bedeutung hat dieses Werk für Sie?

Mahbuba Maqsoodi: Ja, das war ein weiterer Schritt. Die Entstehung dieser abstrakten Figuren, die mal gegenständlich sind und wiederum nicht. Und dieses Thema, dass die Einzelnen gehen ihren Weg, beschäftigt mich. Ich habe vorher gesagt: Drei Kulturen, drei unterschiedliche Positionen von dem politischen, von dem System, von der Religion. Aber ich habe immer wieder das Gleiche entdeckt, dass Menschen zusammen alle in eine Richtung gehen. Es gibt nur einige, die denken: Oh, ich muss hier selber übernehmen und die Verantwortung übernehmen. Das ist, was ich wirklich als Betrachterin beobachte.

Verena Feldbausch: Ja. Das Bild heißt “Der Weg” und ist von 2012. Ja.

Mahbuba Maqsoodi: Genau. 2008 ist so eine kleine Leinwand entstanden und das erste, das ich dann nachher probiert habe, auf Glas war das Bild.

Verena Feldbausch: Schön.

Schreiben und Malen

Verena Feldbausch: Sie sind nicht nur bildende Künstlerin, sondern auch Autorin und Frauenrechtlerin. 2017 haben Sie Ihre Autobiografie veröffentlicht mit dem Titel “Der Tropfen weiß nichts von Meer”. Wie ergänzen sich Schreiben und Malen für Sie?

Mahbuba Maqsoodi: Ja, das war auch für mich eine neue Erfahrung. Aber wie gesagt, ich sehe doch alles in Farben. Die Idee entstand, dass ich das, was ich erleben musste, durfte, erst in kleinen Bilder nicht male, sondern schreibe. In dem Sinne, dass ich mit meinen Worten das Malen den Leserinnen und Lesern überlasse. Sie sollen selber malen.

Verena Feldbausch: Interessant.

Mahbuba Maqsoodi: Ich bekomme viele Rückmeldungen und können Sie sich vorstellen, dass diese Rückmeldungen, die Wahrnehmung von den Menschen, die ich bekomme, fließen wieder ein in meine Malerei. Also einer ergänzt den anderen. Ja, das beeinflusst mich sehr.

Verena Feldbausch: Ja, das stimmt. Also wenn man etwas liest, dann entstehen Bilder im Inneren. Und das ist ja interessant, dass Sie das dann nochmal aufnehmen.

Verena Feldbausch: Schön.

Persönliche Geschichten in der Kunst

Verena Feldbausch: Ihre Kunstwerke erzählen ja sehr oft persönliche Geschichten. Wie viel von Ihnen selbst steckt da drin?

Mahbuba Maqsoodi: Ja, wir alle haben eine persönliche Geschichte. Und diese persönliche Geschichte basiert auf dem Geschehen im Leben. Mit Vertrauen, mit Liebe, mit Hoffnung. Auch mit dem Verlust. Das sind Themen, die nicht nur ich erleben muss oder erlebe. Wir alle. Und ob man will oder nicht, es reflektiert sich in unseren täglichen Tätigkeiten. Aber als Maler natürlich auch in den Bildern. Ja, das ist irgendwie normal für mich. Ja. Und damit natürlich auch entsteht die Verbindung zwischen dem Bild und dem Betrachter. Weil wenn das der Fall ist, wenn ich diesen Faden ausdrücken konnte, dann könnte auch diese Verbindung entstehen. Und damit ist auch das Ende des Bildes. Ja. Ich sage nicht, dass ich das Bild zu Ende male, sondern das Ende der Malerei entsteht in der Wahrnehmung der Person, die vor dem Bild ist.

Rolle der Herkunft in der heutigen Kunst

Verena Feldbausch: Welche Rolle spielt Ihre Herkunft heute noch in der Kunst?

Mahbuba Maqsoodi: Ja, vieles. Ich denke, in meiner Herkunft, wir hatten viele so Gedanken, die auch heute mich begleiten. Ja. Beispiel. Voller Respekt miteinander umzugehen. In der Erziehung, in der Familie eher sage ich die Offenheit. Neugierig zu sein für das, was die anderen Menschen machen. So bin ich erzogen. Und vielleicht, dass es nicht bei allen, die in Afghanistan geboren sind, aber mindestens bei mir und das weiterhin in meiner Welt präsent sind. Ja. Aber trotzdem möchte ich sagen, dass Künstler sind frei und ich habe schon längst solche Begrenzungen überschritten.

Familienhintergrund

Verena Feldbausch: Ganz kurz nochmal eine Frage zu Ihrer Herkunft. Sie sind, wie schon gesagt, in Afghanistan geboren und in Ihrer Familie gibt es sieben Mädchen. Also Ihr Vater und Ihre Mutter haben sieben Töchter. Können Sie darüber noch etwas sagen? Weil ich meine, das ist ja schon eine besondere Situation gewesen auch.

Mahbuba Maqsoodi: Auf jeden Fall. Doch auch immer wieder, wenn ich bei der Lesung diesen Satz ausspreche, dass ich in eine Familie hineingeboren bin, dass wir sieben Schwestern waren. Ich sehe schon, oh, also hier ist es sogar auch nicht so klar wahrzunehmen. Afghanistan war so und auch jetzt ist es so. Das Schöne ist, in unserer Familie, das war nie ein Thema, besonders von seitens meines Vaters. Mutter vielleicht hat, ein paar Mal habe ich von ihr gehört, dass sie auch andere Wünsche hatte. Aber warum mein Vater? Darüber habe ich mit ihm leider, als er noch auch im Leben war, keine Chance gehabt. Oder habe ich die Situation nicht so wahrgenommen oder damit mich nicht so tief beschäftigt? Ich denke, er war ein wirklich, wirklich gläubiger Mensch. Er hat als Muslim an Gott geglaubt. Und wenn man so glaubt, ob Mann oder Frau, sind alle sozusagen von Gott uns geschenkt. Dass die weniger Rechte oder mehr Rechte haben, das sind ja Ereignisse, das durch die Geschichte vor allem von Männern geschaffen wurde. Deswegen hat die Frau in keiner monotheistischen Religion die gleiche Position wie ein Mann. Mein Vater hat das anders interpretiert und auch in der Familie überhaupt keinen Raum freigelassen, darüber zu diskutieren. Das war kein Thema. Und wenn man so überzeugt ist, die anderen außerhalb der Familie, im Dorf oder in der Stadt, haben nie ihm so eine Frage gestellt, weil er so überzeugt war. Und das hat er ausgestrahlt. Und so bin ich auch erzogen. Weil sie vorher gesagt haben, dass ich vielleicht auch als Aktivistin, also ich betrachte mich ja wirklich nicht so in dem Sinne, wie man es wahrnimmt als Aktivistin oder Feministin. Ich sehe schon wirklich, dass die Welt besteht aus beiden Geschlechtern und die beiden haben zusammen die Verantwortung, das Leben zu gestalten und haben unterschiedliche Charaktere, auch als Geschlecht. Aber das heißt nicht, dass die Rechte beschränkt werden. Und so ist meine Einstellung. Und in Afghanistan genauso. Und ich denke, in Europa konnten wir auch nicht die Rechte der Frauen so ungefähr jetzt gleich haben wie bei Männern, wenn die Männer nicht mitgewirkt hätten. Ja. Stellen Sie sich die 60er Jahre und 70er Jahre vor. Genau das ist auch in Afghanistan. Wir reden immer über die Frauen. Ich sage, wo sind die Männer? Ja. Weil eigentlich die sind die Täter. Also dann muss man auch dieses Thema mit Männern auch diskutieren und dass denen bewusst ist, was ist ihre Rolle. Und natürlich die Frauen auch, dass sie sich nicht immer als untergeordnete Person sehen, sondern bewusst damit umgehen. Das ist mein Wunsch. Und ich denke, auch sogar in sakralen Räumen entsteht dieses Thema, soweit es geht. Als gleichberechtigter Mann und Frau mit dem Bewusstsein, das Rechte und Verantwortung betrifft. Ja.

Aktuelle und zukünftige Projekte

Verena Feldbausch: Womit arbeiten Sie aktuell und was sind Ihre nächsten Projekte?

Mahbuba Maqsoodi: Aktuell arbeite ich an der Teilnahme einer Gruppenausstellung, die im September stattfindet in Köln. Das geht auch über die Grenze. Bleiben wir in der Grenze oder nicht? Ja, das ist eine sehr tiefe Auseinandersetzung in dieser Ausstellung. Ich werde dort mit einer Installation präsent sein, in einem Raum. Und dann entsteht nächstes Jahr eine Ausstellung im Museum für modernes Glas in Linnich. Eine Einzelausstellung. Da bin ich auch beschäftigt, was ich zu dem, was ich habe, noch präsentieren kann. Und dann, es gibt ja Gespräche, es könnte auch in Chiang Chin, in China, eine Ausstellung entstehen. Und was betrifft Projekte, ja, es ist ein wunderbares Projekt, gerade in der Realisierung für das Franziskanerinnenkloster in Reuthe. Ah ja. Und diese heißt “Räume der Stille”, wird für alle da sein, unabhängig von Glauben, Nationalität und und und. Ich habe dieses Werk den Namen “Lebenslinien” genannt. Damit möchte ich die Geschichte dieses Klosters, das vor einigen hundert Jahren gegründet wurde, bis heute eine Verbindung schaffen und auch in die Zukunft. Mit Freude sind alle dabei und nächstes Jahr wird die Einweihung stattfinden.

Verena Feldbausch: Schön, sehr schönes Projekt.

Botschaft der Kunst

Verena Feldbausch: Was wünschen Sie sich, dass die Menschen aus Ihrer Kunst mitnehmen, sowohl jetzt hier in der Neunkircher Ausstellung, aber auch allgemein, wenn sie Ihre Werke betrachten?

Mahbuba Maqsoodi: Wenn ich durch meine Arbeit einen Gedankenanstoß auslösen kann, dann werde ich glücklich und in dem Sinne, das ist auch mein Wunsch.

Abschluss und Dank

Verena Feldbausch: Vielen Dank, liebe Mahbuba Maqsoodi, für das schöne Gespräch.

Mahbuba Maqsoodi: Ich danke Ihnen.

Verena Feldbausch: Wenn ihr mehr über die Kunst von Mahbuba Maqsoodi erfahren möchtet, lohnt sich ein Besuch der Ausstellung in der Städtischen Galerie Neunkirchen und natürlich auch ein Blick in die Benediktinerabtei Tholey, um die beeindruckenden Fenster live zu erleben. In den Shownotes findet ihr wie immer den Link zu meinem Blog, auf dem ihr Fotos der besprochenen Werke seht und natürlich auch Links zu den Orten, an denen ihr die Kunst von Mahbuba Maqsoodi sehen könnt. Das war art talk SaarLorLux. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert den Podcast und teilt ihn gerne. Vielen Dank fürs Zuhören und bis bald, eure Verena Feldbausch.

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